Überholspur

Auf der Überholspur wieder raus der Klinik?

02.02.2017
Holger Storcks

„Ich lasse mich wenn möglich nur noch auf der Schnellspur operieren.“ Diesen Satz werden Sie womöglich bislang nicht oder zumindest nicht häufig zu Ohren bekommen haben. Alle Trends deuten aber darauf hin: dies wird sich im Lauf der nächsten Jahre ändern. Seit Mitte der 2000er Jahre ist sie weltweit auf dem Vormarsch, die sogenannte „Fast Track Medizin“. Medizin nun also auf der Überholspur, mit 200 Sachen über den Highway der Krankenversorgung?

Ich selbst bin – um ganz ehrlich zu sein – auf den Begriff erst im letzten Jahr über einen Medtronic-Kollegen gestoßen und neugierig geworden. Zurück am Rechner hielt mir die lange Google-Trefferliste erst einmal den Spiegel vor: wirklich neu war der Begriff längst nicht mehr. Die entsprechende deutsche Übersetzung lautet „Kurzzeit-Chirurgie“ und wird intensiv in der Öffentlichkeit diskutiert. Worum geht es aber nun hierbei eigentlich?

Kürzere Verweildauer im Krankenhaus

Im Mittelpunkt steht die Idee, den Krankenhausaufenthalt von Patienten so weit wie möglich zu verkürzen, zum Teil sogar bis auf die Hälfte der „normalen“ Verweildauer. Dies soll natürlich nur unter der Voraussetzung geschehen, dass die medizinische Versorgung der Patienten gleich gut bleibt oder sich im Idealfall sogar verbessert. Dieses „Schneller und Besser“ kann nur gelingen, wenn die Patientenversorgung in einigen Bereichen verändert und modernisiert wird. In vielen Fachartikeln ist von vier Bereichen die Rede, die für die Umsetzung einer Fast Track Medizin eine wesentliche Rolle spielen. In erster Linie handelt es sich um den Einsatz neuer medizin-technischer Verfahren wie zum Beispiel der minimal-invasiven Chirurgie, häufig auch „Schlüsselloch-Chirurgie“ genannt (noch eine neue Wortkreation der Branche).

Kleinere Schnitte, schnellere Heilung

Diese Form der Chirurgie bedeutet in der Regel: kleinere Schnitte, kleinere Wunden, weniger Schmerzen, schnellere Heilung. Weitere Anpassungen ergeben sich in den Bereichen Anästhesie und Schmerztherapie, Mobilisierung und Ernährung. So müssen Patienten nicht mehr Stunden vor einem Eingriff nüchtern bleiben, dürfen direkt nach der Operation aufstehen, haben dadurch weniger Verdauungs- und Durchblutungsstörungen und sind im Ergebnis schneller wieder fit. Häufig kann zusätzlich auf eine belastende Vollnarkose verzichtet werden zugunsten einer für den Körper besser verträglichen Lokalanästhesie. All dies funktioniert natürlich nur dann, wenn die Kliniken ihre eigenen internen Abläufe fit für den „Fast Track“ machen – vom Eintreffen des Patienten im Krankenhaus bis zu seiner Entlassung muss alles möglichst ohne Wartezeiten und Leerlauf ablaufen. Da noch mehr Patienten in noch weniger Zeit behandelt werden, ist dies jedoch nicht einfach und verlangt nach einer extrem guten Planung, Koordination und internen Abstimmung. Hierbei haben meine Kolleginnen und Kollegen von Medtronic übrigens schon vielen Krankenhäusern mit Rat und Tat zur Seite gestanden.

Schnelle Genesung

Fast-Track-Konzepte sind prinzipiell bei allen chirurgischen Eingriffen einsetzbar, so zum Beispiel bei der Behandlung von Prostatakrebs, bei Darm-Eingriffen oder bei Hüft- und Kniegelenksoperationen. Nach erfolgter Hüft-OP verlassen Fast-Track-Operierte das Krankenhaus dann häufig nicht erst nach zwölf, sondern bereits nach sieben Tagen, um direkt mit der Rehabilitation weiterzumachen. Nutznießer sind eigentlich alle Beteiligten: die Patienten können schneller und schonender genesen, die Krankenhäuser können in der gleichen Zeit mehr Patienten behandeln und kostengünstiger arbeiten und die Krankenkassen verbuchen weniger Ausgaben für ihre Versicherten.

Wie auch im Straßenverkehr gilt: auf der „Überholspur“ ist nicht wirklich jeder gut aufgehoben. Mancher tut gut daran, es ein wenig langsamer angehen zu lassen, und so wird auch die Fast-Track-Chirurgie nicht für alle Patienten und alle Krankheitsbilder gleich gut geeignet sein. Fast-Track-Patienten müssen im Vorfeld der OP besonders ausführlich aufgeklärt werden, denn ihr aktives Mitwirken spielt eine besonders große Rolle – man denke an das Einhalten von Ernährungsplänen, die Teilnahme an Mobilisierungsprogrammen und auch an den manchmal möglichen Verzicht auf eine Vollnarkose. Der klassische Notfallpatient etwa kommt insofern eher nicht für den Fast-Track in Frage, denn die notfallmäßigen Eingriffe lassen sich vorab zu wenig planen und mit dem Patienten besprechen.

Also, jetzt mal so ganz unter uns: manchmal finde ich so ein bisschen Rasen (wenn die Autobahn frei ist, das Wetter gut und alles irgendwie passt) eigentlich schon ganz gut. Und wenn bei mir zukünftig einmal eine OP notwendig werden sollte, werde ich zumindest in den Rückspiegel schauen und prüfen, ob es sich nicht auf die linke, die schnellere Spur ausscheren ließe.

Kategorie: 
Faszination Medizintechnik