Defi

Mit Defi in den Kernspin

26.05.2014
Gast

„Mein Arzt möchte gerne bei mir eine Kernspinuntersuchung machen. Geht das mit meinem Defi?“

Als Mitarbeiter im technischen Service mussten wir über viele Jahre Patienten mit implantiertem Defibrillator (ICD) vertrösten, da die Welt der diagnostischen Möglichkeiten im Kernspin, auch Magnetresonanztomographie (MRT/MRI) genannt, für sie ein Tabu bleiben musste. Dabei steht schon lange fest: So gute 3D Schnittbilder vom Inneren unseres Körpers liefert kein anderes Diagnoseverfahren und das ohne jegliche Strahlenbelastung.

Vor einigen Jahren traf ich auf einem Kongress einen Wissenschaftler, der für Medtronic an der Modifikation von Elektroden und Implantaten arbeitete, um diese kernspinfähig zu machen. Interessiert fragte ich ihn, was denn eigentlich die Schwierigkeit dabei darstellt? Gerne erklärte er mir, dass Kernspin ja mit riesigen Magnetfeldern arbeitet. Das ist sicher für die wenigsten etwas Neues. Die Bilder von förmlich „angesaugten“ Stühlen oder Schlüsseln werden immer wieder gern gezeigt. Insofern war klar: Magnetische Bauteile im ICD mussten reduziert werden. Darüber hinaus gab es natürlich Änderungen in den Schaltkreisen der Geräte, damit das Implantat auch von den anderen starken Feldern des Kernspins abgeschottet werden konnte. Außerdem war da auch noch die Elektrode, das Kabel, das vom Gerät ins Herz führt und dort stimuliert. Im Kernspin könnte über die eingekoppelte Energie an der Elektrodenspitze das Herzgewebe erwärmt werden. Ein großer Risikofaktor.

Als ich den Wissenschaftler Anfang des Jahres im Medtronic Forschungs- und Entwicklungszentrum in Maastricht wieder traf, war er voller Stolz: Die Computersimulation umfasst mittlerweile 2,3 Millionen Testszenarien. Eine gigantische Zahl, bei der Genauigkeit und Durchlaufzeiten optimiert werden konnten. ICDs, Herzschrittmacher und die passenden Elektroden durchlaufen nun dieses umfangreiche Modell.Doch ihn beschäftigte zu diesem Zeitpunkt bereits eine andere Sorge: Technisch waren die Geräte nun überarbeitet, aber wie sollte man nur beweisen, dass die Geräte wirklich für jeden Patienten, groß wie klein, dick oder dünn, für jede Elektroden- und Gerätelage, für jeden Kernspin-Gerätetyp, an jeder Stelle des Körpers also Ganzkörper-Kernspin-fähig sind? Er erzählte mir, dass er Statistiker zu Rate zog, die ihm bestätigten: Allein mit einer klinischen Studie mit Patienten könnten die vielen möglichen Szenarien nicht getestet werden. Was tun? Sie kamen zu dem Schluss, dass nur eine Computersimulation helfen könnte. Doch diese musste von Grund auf entwickelt werden und mit bisherigen Erfahrungen gefüttert werden. So konnte erst nach mehr als 10 Jahren Entwicklung 2008 der erste Kernspin-fähige SureScan Herzschrittmacher auf den Markt gebracht werden. Zusätzlich wurde dann auch noch eine klinische Studie mit 727 Patienten durchgeführt. Sicher ist sicher! 2014 folgt nun unser implantierbarer Defibrillator, Evera MRI. Eine neue Ära hat begonnen! Mit unserem speziell entwickelten Defibrillator-System Evera MRI können nun auch Patienten mit schnellen Rhythmusstörungen, falls irgendwann nötig, im Kernspin untersucht werden. Ein so hilfreiches diagnostisches Untersuchungsverfahren muss jetzt keinem Implantatträger -weder Schrittmacher- noch Defi-Patienten- vorenthalten werden.

Ein kleiner Wehmutstropfen bleibt, denn den Wissenschaftler werde ich nicht mehr bei Medtronic wieder treffen, da er nun mit Abschluss dieses Projektes in den wohlverdienten Ruhestand geht. Doch wer kann schon von sich sagen, dass er maßgeblich dazu beigetragen hat, ein jahrzehntelanges Tabu zu brechen? 

Von Claudia (Technischer Service CRDM)

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