Peggy lehnt an Statue.

Interview mit Peggy Müller-Weiß Heute bin ich eine dünne Dicke

Peggy Müller-Weiß, 46, wiegt mit ihren 154 cm Körpergröße aktuell 76 kg. Das war nicht immer so: 2006 brachte sie 148 kg auf die Waage. Sie hatte eine schwere Adipositas mit einem hohen Risiko für weitere Erkrankungen. Peggy schildert, wie sie jahrelang gegen das starke Übergewicht ankämpfte und dabei Verletzungen und Diskriminierungen ihrer Umwelt ertragen musste. Mit einem adipositaschirurgischen Eingriff vor drei Jahren hat sie ihr Gewicht deutlich reduziert, und ihre Lebensqualität ist zurück. Sie schildert, warum sie trotzdem diszipliniert bleiben muss und welche Aufgaben noch vor ihr liegen.

Peggy in den Bergen.

„Ich war schon im Kindergarten und in der Schule ‚etwas mehr‘ als andere Kinder“, erinnert sich Peggy an ihre Kindheit. Fragt man sie nach dem Warum, antwortet sie: „Das Gewicht war mein Schutzpanzer.“ Ihre Schwester war ein krankes Kind, um das man sich intensiv kümmern musste. Die Eltern waren fürsorglich und liebevoll, dennoch lernte Peggy früh, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Sie war die starke Schwester, ohne Schwächen, ausgleichend. Früh übernahm sie Aufgaben, für die sie eigentlich zu jung war. „Ich denke, das alles hat eine große Rolle für die Entwicklung meines Gewichts gespielt. Im stillen Kämmerlein habe ich abends genossen. Das Essen war mein Ventil, und die Nebenwirkung war das Übergewicht“, weiß sie heute. Mit 14 Jahren machte sie die ersten Diäten, nahm damit kurzzeitig ab und dann wieder zu, bis sie mit 18 Jahren bei einer Körpergröße von 154 cm die 100-Kilo-Grenze knackte.

Peggy absolvierte diverse Kurse und Kuren zu Ernährung, Bewegung und Verhalten, teilweise von der Krankenkasse finanziell unterstützt: „Langfristig hat das alles nichts gebracht. Der Jojo-Effekt hat immer wieder zugeschlagen“, erinnert sie sich.

Zudem war es schwierig, Ärzte und Therapeuten zu finden, die sich mit dem Krankheitsbild Adipositas gut auskannten und es nicht als persönliches Lifestyle-Problem betrachteten, sagt sie: „Sogar Ernährungsberater haben wenig Erfahrung mit Adipositas.“

Peggy Müller-Weiss im Porträt

Adipositas bringt weitere Erkrankungen mit sich.

Im Jahr 2006 erreichte Peggy mit 33 Jahren ihr Höchstgewicht von 148 kg. Das entspricht einem Body Mass Index (BMI) von 62,4 kg/m2. Der WHO-Klassifikation zufolge litt Peggy damit an Adipositas des höchsten Schweregrads (≥ 40 kg/m2). Dieser Grad der Adipositas birgt ein hohes Risiko für Folge- und Begleiterkrankungen, die einschränkend für die Lebensqualität wirken können.

Auch bei Peggy brachte das Gewicht Begleiterkrankungen mit sich. „Heute merke ich, was meine Knochen ausgehalten haben“, meint sie mit Blick auf ihre „schwersten Zeiten“. Als ausgebildete Restaurantfachfrau und Friseurmeisterin war sie stehende Berufe gewohnt, gut trainiert und als Selbstständige sowieso hart im Nehmen. Trotzdem litt sie wegen ihres Gewichts an starken Rückenschmerzen. Auch in der Schwangerschaft kann Adipositas zu einem erhöhten Risiko für weitere Erkrankungen führen. Während Peggys beider Schwangerschaften litt sie an den Begleiterscheinungen einer Schwangerschaftsvergiftung, an Wassereinlagerungen, an Bluthochdruck und an einem nicht entdeckten und unbehandelten Schwangerschaftsdiabetes beim zweiten Kind. 

Die Stigmatisierung ist schwer zu ertragen. 

Neben den körperlichen Einschränkungen waren die Reaktionen der Umwelt nur schwer zu ertragen. „Wenn man als dicker Mensch in die Öffentlichkeit geht, dann ist das ein Spießrutenlauf. Man fällt automatisch auf. Dabei möchte man positiv wahrgenommen werden und keine Angriffsfläche bieten. Man wappnet sich permanent gegen Blicke, Sprüche und Reaktionen“, schildert sie ihre Erfahrungen.

Für Peggy war es ein Tabu, ins Café oder Kino zu gehen. Ihre Gedanken kreisten um die Frage: Was ist, wenn ich nicht in die Stühle passe? „Wenn ich doch einmal ins Kino ging, habe ich auf Popcorn und Softdrinks verzichtet. Nicht aus Überzeugung, sondern wegen der anderen. Dafür habe ich später heimlich Süßes gegessen, wenn mich keiner beobachtet hat“, erzählt sie. Vorurteile und viele Verletzungen führen zu Rückzug, weiß Peggy: „Viele Menschen mit Adipositas beherrschen die Fassade und sind perfekte Schauspieler.“ Zudem glaubt sie aufgrund ihrer eigenen Erfahrung, dass ein dicker Mensch viel mehr beweisen muss, dass er etwas kann: „Bei meiner Friseurmeister-Prüfung habe ich das so empfunden.“

Das fehlende Wissen und das Verständnis für Adipositas als Erkrankung findet sich auch bei Ärzten und Therapeuten. „Wenn ein übergewichtiger Mensch zum Arzt geht, wird er nicht für voll genommen. Wie oft haben sich Ärzte gar nicht richtig angehört, wenn ich Beschwerden beschrieben habe, sondern gleich geantwortet: ‚Ist ja klar bei Ihrem Gewicht. Sie müssen halt abnehmen.‘“, schildert Peggy ihre Erlebnisse. Als sie ihrem Frauenarzt ihre Beschwerden während der Schwangerschaft berichtete, kassierte sie den Spruch: „Seien Sie froh, dass sie überhaupt schwanger geworden sind.“ 

Der Weg zum adipositaschirurgischen Eingriff

Peggy am Seeufer im Wanderoutfit.

Bei Peggy wuchs das Bewusstsein, dass sich etwas ändern muss. „Ein Freund unserer Familie hatte nach jahrelangem Kampf eine Schlauchmagen-OP genehmigt bekommen. Ich dachte: Toll! Ich fing an mich zu informieren.“

Ihre Hausärztin unterstützte den Wunsch nach einem bariatrischen Eingriff  und überwies Peggy in ein spezialisiertes und zertifiziertes Adipositaszentrum. Und dort endlich lernte sie, dass Adipositas eine chronische Erkrankung ist, deren Entstehung viele Gründe haben kann und deren Interaktionsmechanismen in ihrer Komplexität immer noch nicht geklärt sind: „Das Bewusstsein, dass ich nicht verantwortlich bin, war eine große Entlastung für mich.“

Vor einem adipositaschirurgischen Eingriff müssen Patienten nachweisen, dass sie erfolglos mit Hilfe von konservativen Therapiemaßnahmen versucht haben, Gewicht zu reduzieren. Mit Hilfe ihrer Hausärztin konnte Peggy gut dokumentieren, dass Sie über Jahre Therapiemaßnahmen wahrgenommen hatte, die keinen langfristigen Erfolg gezeigt hatten. Da Sie mit 126 kg immer noch einen BMI von 53 kg/m2 (zum Vergleich: Menschen mit einem BMI von 18,5 bis 24,9 kg/m2 gelten als normalgewichtig) hatte, ging die Entscheidung der Krankenkasse für eine Operation schnell. Vor drei Jahren erhielt Peggy einen so genannten Magenbypass: Bei dem Eingriff wird der Magen erheblich verkleinert, sodass der Patient weniger essen und Gewicht reduzieren kann. Ein Teil des Dünndarms wird durch einen Bypass ersetzt, sodass weniger Kalorien aufgenommen werden können. Magen-Darm-Hormone, die bei der Appetitkontrolle eine Rolle spielen, werden ebenfalls verändert. Hierfür sind zwei Schritte notwendig: Der Magen wird verkleinert und geteilt. Dann wird der Magen-Darm-Trakt rekonstruiert.

„Die Aufklärung vor der Operation ist sehr wichtig.“

Nach der Operation nahm Peggy 70 kg ab: „Ich habe mich halbiert. Es ist ein Luxus, so schnell abzunehmen“, meint sie. Andererseits war es nicht so einfach, wie sie ursprünglich dachte. „Eine umfassende Aufklärung ist sehr wichtig“, betont sie heute. „Man braucht ein gutes Bewusstsein, welche Risiken der Eingriff hat und welchen Einfluss die Operation auf den Stoffwechsel und auf die Lebensumstände haben wird. Viele sind sich darüber nicht im Klaren.“

Nach einem solchen Eingriff gibt es eine Vielzahl von körperlichen Veränderungen, die eine angemessene Langzeit-Nachsorge erfordern. Peggy nimmt ihre regelmäßigen Kontrolltermine im Adipositaszentrum wahr. Dort wird sie körperlich durchgecheckt, damit sie aufgrund der Umstellung des Stoffwechsels keine Mangelerscheinungen entwickelt. Und sie erhält Beistand: „Zunächst nimmt man sehr viel Gewicht ab, dann nimmt man wieder ein wenig zu, dann pendelt es sich ein. Im Adipositaszentrum habe ich gelernt: Das darf so sein, das ist kein Versagen.“ Ihre Empfehlung an andere Patienten lautet deshalb: „Bleibt dran und arbeitet mit.“

„Heute kann ich alles machen, was ich möchte.“

Mit dem Ergebnis der Operation ist Peggy zufrieden. Neben der Gewichtsabnahme hat sie heute eher niedrigen Blutdruck und auch der Diabetes mellitus war schon drei Tage nach der OP sehr zufriedenstellend und ist heute im „grünen Bereich“, wie sie sagt.

Wie steht es um die Lebensqualität? „Gut!“, sagt sie mit Überzeugung. „Ich kann alles machen, was ich möchte, körperlich und mental.“ Peggy ist kürzlich im Rahmen des Camino-Projektes einen Teil des Jakobswegs gegangen, sie liebt Bergwandern. „Ich kann heute einfach loslaufen, das hätte ich früher gar nicht geschafft. Ich gehe raus, erweitere meinen Horizont, finde mich und kläre Sachen mit mir.“ Sie hat wieder angefangen im Chor zu singen und überlegt gerade, den Motorradführerschein zu machen. „Ich habe kein körperliches Limit mehr“, schwärmt Peggy. Eine große Erleichterung ist es für sie, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen: „Ich kann einkaufen gehen, ohne schief angeschaut zu werden und mich ausgegrenzt zu fühlen. Ich muss niemandem etwas beweisen.“

„Ich bin immer noch krank.“

Aber, das betont Peggy immer wieder, die Arbeit geht jetzt erst los: „Die Operation allein löst das Problem nicht. In meinem Umfeld höre ich oft: Du bist doch jetzt schlank! Ja, aber ich bin immer noch krank. Ich bin heute eine dünne Dicke. Ich muss dranbleiben, sonst geht das Gewicht wieder hoch. Das bedeutet Disziplin ein Leben lang“, erklärt sie. Das sei noch nicht einmal ihrer Hausärztin bewusst.

Neben der körperlichen Disziplin braucht Peggy auch Energie für „neue Baustellen“, wie sie sagt: „Ich bin im wahrsten Sinne dünnhäutig geworden.“ So wurde sie vor kurzem gefragt: Wie ist es für dich, wieder dünn zu sein? Peggy war perplex: „Was heißt hier ‚wieder‘? Ich kann nicht an ‚alte Zeiten‘ anknüpfen, weil ich nie dünn war. Ich habe nie Kleidung von der Stange gekauft. Ich weiß nicht, wie man ausgeht, ohne angeguckt zu werden. Ich bin ein neuer Mensch geworden, auch für meinen Mann, meine Kinder und mein Umfeld“, beschreibt sie ihre Situation. Für Peggy heißt das: Das Leben und das Miteinander neu lernen.

„Adipositas ist ein gesellschaftliches Problem."

Deshalb ist der Austausch mit Ärzten, Therapeuten und in der Selbsthilfe so wichtig, weil man auf diese Veränderungen nicht vorbereitet sein kann. Beziehungen werden auf eine harte Probe gestellt: „Stell dir vor, du bist auf einmal mit einem anderen Menschen verheiratet!“ Auch bei Peggy gingen darüber Freundschaften in die Brüche.

Aus ihrem Engagement in der Selbsthilfe weiß sie, dass das nicht nur ihr so geht: „Viele Patienten sehen das Gewicht als Schutz. Wenn der weg ist, fallen Patienten in ein Loch. Während der Antragsstellung, der Operation und eine lange Zeit danach wäre deshalb eine therapeutische Unterstützung nötig“, meint Peggy. Sie selbst hatte keine therapeutische Begleitung: „Durch meinen Beruf als Friseurin habe ich das Glück, dass ich viel Austausch habe. Ich bin kommunikativ und scheue mich nicht, darüber zu reden“, beschreibt sie ihre Art der Bewältigung.

Dennoch bleibt das bittere Gefühl des „hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner“. Mit Blick auf die Selbsthilfe stellt Peggy fest: „In der Adipositas-Versorgung läuft sehr viel über selbst geschaffene Strukturen. Der Eindruck entsteht: ‚Wir schauen erst einmal, wie die Leute sich selbst helfen.‘ Wir Betroffenen begreifen das als ein Ausruhen der Politik. Adipositas ist nicht eine Sammlung von Einzelschicksalen. Das ist ein gesellschaftliches Problem, das auch gesellschaftlich gelöst werden muss.“